Richtigstellung
Die auf der Podiumsdiskussion am 01.09. von Herrn Maaß vertretene Darstellung, Strom neuer Windenergieanlagen in Hiddestorf könne über neue Höchstspannungsverbindungen des Nord-Süd-Systems unmittelbar nach Süden transportiert werden, beschreibt den tatsächlichen Netzpfad unvollständig. Der zugrundeliegende Systemgedanke eines Nord-Süd-Ausgleichs ist richtig. Die konkrete Zuordnung der Hiddestorfer Erzeugung zu diesen Trassen ist es nicht.
Die Region Hannover weist 2,34 Prozent ihrer Fläche als Wind-Vorranggebiet aus. Das gesetzliche Teilflächenziel liegt bei 0,63 Prozent. Das ist keine knappe Erfüllung, sondern eine Vervielfachung.
Für Hemmingen ist das der falsche Maßstab. Die Stadt gehört zu den flächenmäßig kleinsten Kommunen der Region. In und um Hiddestorf entsteht dennoch eine Konzentration aus Repowering und neuen Anlagen mit Höhen über 260 Metern. Die massive Erweiterung im Raum Hiddestorf/Hemmingen wird daher abgelehnt. Nötig ist ein Ausbau entlang des gesetzlichen Ziels, der Siedlungsdichte und der tatsächlichen Netzkapazität.
Die gesetzliche Akzeptanzabgabe muss dort bleiben, wo die Anlagen stehen und die Last getragen wird: in Hiddestorf. Die Abgabe ist kein allgemeines Einnahmeinstrument der Stadt Hemmingen. Sie soll die unmittelbaren Beeinträchtigungen ausgleichen – Landschaftsbild, Nähe zu den Anlagen, mögliche Wertverluste und die Konzentration weiterer Standorte rund um den Ortsteil. Eine Einstellung in den städtischen Gesamthaushalt löst diesen Zusammenhang auf. Mittel, die in Hiddestorf entstehen, dürfen nicht in zentralen Aufgaben der Gesamtstadt aufgehen. Eine Aufteilung in den städtischen Haushalt wird daher abgelehnt. Die Abgabe ist ortsteilbezogen zu verwenden, nachvollziehbar auszuweisen und den Betroffenen vor Ort zugutekommen zu lassen.
1. Einspeisepfad der Anlagen in Hiddestorf
Neue und repowerte Windenergieanlagen in Hiddestorf speisen nicht in eine Höchstspannungs-Gleichstromverbindung ein. Der Anschluss erfolgt stufenweise:
- Parkinterne Mittelspannungsvernetzung der einzelnen Anlagen
- Parkumspannwerk am Standort bzw. in unmittelbarer Nähe (in Hiddestorf zusammen mit einem Batteriespeicher geplant)
- Netzverknüpfungspunkt im Verteilnetz der Avacon Netz GmbH, in der Regel auf der 110-kV-Ebene
- Weitergabe in das vorgelagerte Wechselstrom-Übertragungsnetz der TenneT TSO GmbH (220/380 kV)
Erst nach dem Übergang in das vermaschte Übertragungsnetz mischt sich der Strom mit allen anderen Einspeisungen und Lasten. Ob, wann und in welchem Umfang Energie physikalisch nach Süden fließt, ergibt sich aus Lastfluss, Verbrauch in der Region Hannover, Engpässen und Redispatch. Es existiert kein fest zugeordneter Transportweg „Windpark Hiddestorf → Nord-Süd-HGÜ → Süddeutschland“.
SuedLink als größte in Umsetzung befindliche Nord-Süd-Gleichstromverbindung durchquert die Region Hannover im Abschnitt B2 (unter anderem Neustadt am Rübenberge, Garbsen, Seelze, Gehrden, Ronnenberg, Springe). Die Trasse verläuft nicht durch Hiddestorf, hat keine Abzweige für einzelne Windparks und ist als Erdkabel-HGÜ mit Konvertern an den Endpunkten konzipiert. Sie nimmt den Strom lokaler Anlagen nicht direkt auf.
2. Der Systemgedanke: Norddeutsche Erzeugung, süddeutscher Bedarf
Deutschland erzeugt einen großen Teil des Windstroms in Norddeutschland – onshore in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sowie offshore in Nord- und Ostsee. Der Stromverbrauch konzentriert sich stärker in den Industrie- und Ballungsräumen in West- und Süddeutschland. Daraus entsteht ein strukturelles Nord-Süd-Ungleichgewicht.
Das Wechselstrom-Übertragungsnetz kann diesen Saldo nur begrenzt aufnehmen. Deshalb werden zusätzliche Transportkapazitäten gebaut, insbesondere Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen (HGÜ). Sie dienen dem überregionalen Ausgleich: Wind- und Offshore-Strom nach Süden und Westen, bei hoher Solarerzeugung auch der Rückfluss nach Norden, Entlastung des 380-kV-Netzes sowie die Verringerung von Abregelung und Redispatch.
SuedLink (zwei Systeme, zusammen 4 GW, geplante Inbetriebnahme Ende 2028), SuedOstLink, A-Nord/Ultranet und weitere HGÜ-Vorhaben sind Bestandteile dieses Systems. Sie transportieren nicht den Strom einer einzelnen Anlage, sondern den nach Netzeinspeisung verbleibenden überregionalen Saldo.
Die Region Hannover ist kein reines Erzeugungsgebiet, sondern ein Ballungsraum mit hohem Eigenverbrauch. Ein Teil des hier erzeugten Windstroms kann lokal und regional genutzt werden. Nur der nach Abzug der regionalen Last verbleibende Überschuss gelangt in den überregionalen Transport. Der erste Engpass für Hiddestorf ist daher der Verteilnetzanschluss (Avacon, Parkumspannwerk), nicht die Ferntrasse.
3. Abregelung
Abregelung bedeutet, dass eine betriebsbereite Windenergieanlage ihre mögliche Erzeugung drosselt oder abschaltet, weil das Netz den Strom in diesem Moment nicht aufnehmen oder weiterleiten kann. Das erfolgt vor allem über Einspeisemanagement und Redispatch.
Lokale und regionale Engpässe entstehen im Verteilnetz oder an einem Umspannwerk, wenn die gleichzeitige Einspeisung Leitungen oder Transformatoren überlastet. Sie lassen sich nur durch örtlichen Netzanschluss, Leitungsverstärkung, Umspannwerk, Speicher oder flexible Anschlussvereinbarungen lösen. Ferntrassen ersetzen diese Maßnahmen nicht.
Überregionale Engpässe entstehen im Übertragungsnetz, wenn in Norddeutschland gleichzeitig viel Wind einspeist und der Transport nach Süden und Westen begrenzt ist. Dann werden Anlagen auch bei freiem lokalem Anschluss abgeregelt. HGÜ-Vorhaben wie SuedLink senken diesen Systemengpass, nicht den Parkanschluss.
Niedersachsen hat eine hohe Windleistung; Abregelungen sind dort häufiger als in verbrauchsstarken Südregionen. Die Region Hannover ist innerhalb Niedersachsens vergleichsweise günstig, weil Verbrauch und Erzeugung näher beieinanderliegen. Das verringert das Risiko, beseitigt es aber nicht.
Der gesetzliche Vorrang erneuerbarer Energien bedeutet nicht, dass jede Kilowattstunde jederzeit abgenommen wird. Er verpflichtet zum Anschluss und Netzausbau und sieht unter bestimmten Voraussetzungen eine Entschädigung vor. Eine Garantie vollständiger Einspeisung der Nennleistung zu jeder Stunde gibt es nicht.
4. Kann die geplante neue Kapazität ohne Abregelung abgeführt werden?
Eine belastbare Aussage „ohne jede Abregelung“ ist nach öffentlich bekannten Unterlagen nicht möglich. Es liegt keine veröffentlichte, anlagenscharfe Netzverträglichkeitsstudie vor, die für das gesamte geplante Zubau- und Repoweringvolumen in Hiddestorf/Pattensen eine dauerhafte Volleinspeisung nachweist.
Die bestehende Altanlage im Raum Pattensen-Hiddestorf liegt bei rund 13 MW. Repowering und zusätzliche moderne Anlagen (typisch etwa 5 bis 7 MW je Turbine) erhöhen die installierte Leistung um ein Vielfaches. Mehrere parallele Vorhaben führen zu einer deutlich höheren Gleichzeitigkeitsspitze. Dieser Wert ist für den Netzanschluss maßgeblich, nicht der Jahresertrag.
Ohne neues Parkumspannwerk und ohne ausreichende 110-kV-Anschlusskapazität bei Avacon kann die geplante Leistung nicht dauerhaft abgeführt werden. Der lokale Netzausbau ist die notwendige Bedingung. Die Planungen zu Umspannwerk und Batteriespeicher bei Hiddestorf zielen darauf.
Ein Batteriespeicher verringert Abregelung, indem er Spitzen zeitlich verschiebt. Er beseitigt sie nicht vollständig. Bei mehrstündigem Starkwind und gleichzeitigem Engpass ist der Speicher voll; weitere Erzeugung muss erneut begrenzt werden. Flexible Anschlussvereinbarungen können den Anschluss beschleunigen, akzeptieren in Engpassstunden aber eine Begrenzung der Einspeisung.
Überregionale HGÜ-Leitungen können systemweite Abregelungen in Norddeutschland senken. Sie ändern nichts daran, dass der Strom aus Hiddestorf zuerst durch das Avacon-Netz muss.
Die geplante neue Kapazität kann nur dann weitgehend – nicht notwendig vollständig – abgeführt werden, wenn der lokale Anschluss rechtzeitig und ausreichend dimensioniert ist. Eine Abführung ohne jede Abregelung ist für Anlagen dieser Größenordnung in einem windreichen Bundesland kein realistischer Planungsmaßstab. Restabregelung aus überregionalen Engpässen bleibt möglich, auch nach Inbetriebnahme von SuedLink.
5. Was zutrifft – und was nicht
Zutreffend ist: Deutschland braucht Nord-Süd-Transportkapazität. Ohne sie muss Windstrom im Norden häufiger abgeregelt werden.
Nicht zutreffend ist: Neue Windenergieanlagen in Hiddestorf speisen in dieses Ferntransportsystem ein oder würden darüber gezielt nach Süden geleitet. Der Strom wird zuerst ins regionale Netz eingespeist. Ein späterer Anteil am Nord-Süd-Saldo ist Folge des Gesamtsystems, keine projektspezifische Trassenbindung.
Ebenso nicht zutreffend ist die Gleichsetzung „Fernleitung vorhanden = keine Abregelung in Hiddestorf“ bzw. „Fernleitung fehlt = Strom kann nicht abgeführt werden“. Maßgeblich vor Ort sind Anschlussleistung, Umspannwerk, Verteilnetz und gegebenenfalls Speicher. Maßgeblich für den überregionalen Saldo sind Übertragungsnetz und HGÜ-Korridore.
